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Nachkriegslyrik - neu aufgesprochen im Grundkurs 13 d2

"Das deutsche Volk" von Martha Gellhorn (im Jahre 1945)

Niemand ist ein Nazi. Niemand ist je einer gewesen. Es hat vielleicht ein paar Nazis im nächsten Dorf gegeben und es stimmt schon, diese Stadt da, zwanzig Kilometer entfernt, war eine regelrechte Brutstätte des Nationalsozialismus. Um die Wahrheit zu sagen, ganz im Vertrauen, es hat hier jede Menge Kommunisten gegeben. Wir waren schon immer als Rote verschrien. Oh, die Juden? Tja, es gab eigentlich in dieser Gegend nicht viele Juden. Zwei vielleicht, vielleicht auch sechs. Sie wurden weggebracht. Ich habe sechs Wochen lang einen Juden versteckt. Ich habe acht Wochen lang einen Juden versteckt. (Ich hab einen Juden versteckt, er hat einen Juden versteckt, alle Kinder Gottes haben Juden versteckt.) Wir haben nichts gegen Juden; wir sind immer gut mit ihnen ausgekommen. Wir haben lange schon auf die Amerikaner gewartet. Ihr seid gekommen und habt uns befreit. Ihr seid gekommen, um uns einen Freundschaftsdienst zu erweisen. Die Nazis sind Schweinehunde. Die Wehrmacht will aufgeben, aber weiß nicht wie. Nein, ich habe keine Verwandten in der Wehrmacht. Ich auch nicht. Nein, ich war nie in der Wehrmacht. Ich habe auf dem Land gearbeitet. Ich habe in einer Fabrik gearbeitet. Der Junge war auch nicht in der Wehrmacht; er war krank. Wir haben von der Regierung die Nase voll gehabt. Ach, wie wir gelitten haben. Die Bomben. Wir haben wochenlang im Keller gelebt. Wir haben uns nicht über den Rhein fahren lassen, als die SS uns evakuieren wollte. Weshalb hätten wir gehen sollen? Die Amerikaner sind uns willkommen. Wir haben keine Angst vor ihnen; wir haben keinen Grund zur Angst. Wir haben nichts unrechtes getan; wir sind keine Nazis.

Man müsste es vertonen. Dann könnten die Deutschen diesen Refrain singen und er wäre noch besser.

Tonbeispiel 1: "Todesfuge" von Paul Celan (veröffentlicht 1952)
gesprochen von: Felix Firsbach, Julia Trierscheidt, Rike Sprenker und Lena Sellmeier