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Szenische Interpretation des postdramatischen Theaterstücks “Top Dogs“ (1996/ 97) von Urs Widmer durch den Deutsch-Grundkurs 11 d1 (Sz+Schtt)

Urs Widmers „TOP DOGS“ – Schüler des Grundkurses Deutsch erkunden die Eigenschaften von Topmanagern

Welche Eigenschaften muss eigentlich jemand haben, der beruflich eine Stelle im höheren Management anstrebt?
Die Schülerinnen und Schüler des Grundkurses Deutsch von Herrn Schmitt, in welchem ich eine Reihe über das 1997 uraufgeführte und weltweit gespielte Erfolgsdrama „Top Dogs“ des schweizerischen Autors Urs Widmer unterrichten durfte, hatten in der Anfangsstunde der Reihe klare Vorstellungen davon: selbstbewusst, erfolgreich, flexibel, kommunikationsbereit, ehrgeizig, eigenständig, durchsetzungsfähig und weltoffen, aber auch arrogant und bereit, alles dem Job unterzuordnen.
Einige dieser Eigenschaften konnten wir tatsächlich im Drama wiederfinden. Allerdings zeigt Widmer uns die Topmanager von einer eher ungewohnten Seite: Das Stück handelt von ehemals erfolgreichen Topmanagern, die ihren Job verloren haben und nun zwar nicht direkt „auf der Straße stehen“, aber doch arbeitslos geworden ihren Alltag in einem „Outplacement-Büro“ verbringen. In dieser Einrichtung wird den ehemaligen Führungskräften die gewohnte Umgebung (Büro mit Einrichtung) und psychologische Unterstützung zur Verfügung gestellt – allerdings nicht aus christlicher Nächstenliebe, sondern weil die Bezahlung der Betreuung in einem solchen Büro durch den ehemaligen Arbeitgeber diesem „ein sanftes Abschieben nicht mehr benötigter Mitarbeiter“ ermöglicht, wie es ein Schüler treffend formuliert hat. Auch die psychologische Betreuung hat nicht das Ziel, die Mitarbeiter zu aufrechten, psychisch gesunden Menschen zu machen (was immer das heutzutage heißen mag), sondern lediglich, sie möglichst schnell wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Überhaupt zeigt Widmer in diesem Stück Figuren, die allesamt workaholics sind. Sie ordnen  alles ihrem Beruf unter und erleben ihre Arbeitslosigkeit als eine Form des sozialen Todes – auch wenn sie sich das nicht eingestehen wollen (Bild 6). Auch ihr ganzes Denken und Fühlen ist geprägt von ihrer Fixierung auf die Werte des Marktes. Dies wird deutlich im Rollenspiel, wenn ein Manager folgendermaßen mit seiner Frau spricht: „Hast du eigentlich mal über deinen Buchwert nachgedacht, Julikamaus? Wie hoch evaluierst du deinen Abwasch?“ (S.55 / Bild 10) Auch die Träume der ehemaligen „Top Dogs“ machen das deutlich: „(sehnsuchtsvoll): Acht Millionen dreihundertzwölftausendvierhundertdrei...“ oder: „Ein Büro aus Glas. [...] Die ganze Skyline. Tief unter mir der Central-Park [...] Trägt meinen Namen, das Building.“ (Bild 2 und 3).  Überhaupt geht es im Weltbild der Figuren nur darum, nach „oben“ zu kommen (Bild 4) und „oben“ zu sein: „Business, das ist Krieg. Blut und Tränen. So ist das.“ (Bild 5, 11, 12) Auch in der Kindheit vermittelte Bilder einer besseren Welt, wie sie etwa das Märchen „Hans im Glück“ (Bild 15) enthält, werden von den erwachsenen „Top Dogs“ lediglich verständnislos kommentiert: „Wahnsinn. Minimal hunderttausend Mille im Brunnen, und glücklich.“ Die Szene „Die große Klage“ (Bild 13) schließlich macht noch einmal deutlich, wer „die Götter unsrer Tage sind“, nämlich die global agierenden Großkonzerne.
Doch ist von ihnen wirklich das Heil zu erwarten? Der Zuschauer muss sich am Ende des Stücks ein eigenes Bild machen: Frau Jenkins findet eine neue Stelle in Kuingfong, einer „äußerst dynamischen Industriestadt in Südkorea, nahe der Grenze zu Nordkorea“, wo sie für Nestlé „die Koordination mit dem Stammhaus übernehmen wird“. Eine attraktive Lebensperspektive? (Bild 16) Frau Jenkins ist, wie die anderen Figuren des Stücks, so gefangen in ihrer Managerrolle, dass sie nicht fähig ist, das Jobangebot einfach abzulehnen und einen alternativen Lebensplan zu entwerfen.
„Im Anfang war nicht das Geld.“ (D.h.: Die alles bestimmende Wirklichkeit ist nicht Geld bzw. der berufliche Erfolg.) – So könnte man vielleicht mit Urs Widmer die „Botschaft“ seines Stücks zusammenfassen.
Allen unseren Schülerinnen und Schülern wünschen wir am KFG ganz sicher auch beruflichen und finanziellen Erfolg. Aber unter „Erfolg“ verstehen wir nicht nur, wie eine Marionette (Bild 9) das auszuführen, was der jeweils höhergestellte „Chef“ sagt (Bild 8), sondern wir verstehen darunter, in möglichst großer Freiheit, Lebenspläne zum eigenen Nutzen und zum Nutzen der Mitmenschen verwirklichen zu können: sowohl beruflich, als auch privat.

Johannes Schmitz

Erläuterung zur Methode: 
Ziel des Szenischen Interpretierens ist nicht die Aufführung (Darstellendes Spiel)oder eine bestimmte Inszenierung eines Stücks (Szenisches Spiel), sondern den kognitiven Verstehensprozess des Textes um emotional-sinnliche Vorstellungen zu ergänzen. Im Mittelpunkt des Interesses steht eine intensive Auseinandersetzung mit dem Text, der in diesem Fall auch die Vorlage für ein Drama ist. (Schtt)