Auffälliges Verhalten. Ursache oder Folge?
Über die psychoreaktive Folgeproblematik einer Lese-Rechtschreib-Schwäche
"Auffällig ist, dass bei Kindern und Jugendlichen mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche gleichzeitig emotionale Störungen und Verhaltensauffälligkeiten auftreten, die sowohl in der Schule wie auch in der häuslichen Umgebung zu beobachten sind. Man darf also die Legasthenie keinesfalls als ein Phänomen ohne Bezug zur Gesamtpersönlichkeit des Kindes oder Jugendlichen sehen, sondern muss sich auch Gedanken um die entwicklungsbezogene Situation und das soziale Umfeld deines Kindes mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche machen.
In den vorliegenden Untersuchungen schwanken die Angaben über das Ausmaß dieser Problematik sehr stark. Diesen Angaben zufolge leiden 20 bis 80 Prozent der Legastheniker unter psychischen Störungen (vgl. E.MALMQUIST/ R.VALENTIN; 1974). Anhand dieser Zustandsbeschreibung stellt sich selbstverständlich automatisch die Frage: Was ist bei psychischen Fehlentwicklungen als Verursachungsmoment einer Legasthenie, was ist als Folgesymptomatik zu betrachten? So einfach kann diese Frage jedoch nicht beantwortet werden, da ihr ein monokausaler Denkansatz zu Grunde liegt, der für den Problembereich der Legasthenie keine zufrieden stellenden Erklärungen liefern kann. Vielmehr stehen psychische Beeinträchtigungen und die Legasthenie der Kinder und Jugendlichen in einem engen Wechselwirkungsverhältnis miteinander.
Der Zusammenhang von spezifischer Lernstörung und psychischer Fehlentwicklung ist von einer Reihe von Autoren dargelegt worden (vgl. H.GRISSEMANN; 1986). [...]
Generell kann es zu sehr unterschiedlichen Reaktionen des Kindes oder Jugendlichen kommen. [...] Problematisches Verhalten als Auswirkung von und als Reaktion auf anhaltende Versagens- und Frustrationserlebnisse manifestiert sich in verschiedenen Bereichen: in der Lern- und Leistungsmotivation, im Lernverhalten, im Sozial- und Kontaktverhalten, im Selbstbild/ Selbstkonzept des Kindes und in seinem körperlichen Befinden.
Die Sekundärsymptome können zusammengefasst im Wesentlichen durch ein Verhaltensdefizit (soziale Isolierung, Schüchternheit/ Gehemmtheit, Ängstlichkeit, Hilflosigkeit, Regression, Rückzug in frühkindliche Verhaltensweisen) oder durch einen Verhaltensüberschuss (Hyperaktivität, starke Impulsivität, Aggressionen wie Clownerien oder Provokation, Negativismus, Zwangsdenken) charakterisiert werden. [...]
Das Auftreten genannter oder ähnlicher Sekundärsymptome sollte ernst genommen werden und zu einer Überprüfung der sozialen Bewertung, die zum Beispiel auch durch den Lehrer geschieht, führen. Es ist jedoch deutlich geworden, dass ein isoliertes Lese- und Rechtschreibtraining alleine die entstandene Komplexität einer Lese-Rechtschreibschwäche nicht auflösen kann. Eine Zusammenarbeit zwischen Therapeuten und Schulpädagogen ist augrund der aufgezeigten Zusammenhänge unabdingbar."
[entnommen aus dem Fachbeitrag von CHRISTINE NEUKIRCHEN und PETRA GEWISS; in "Pädagogische, psychologische und sprachwissenschaftliche Beiträge zum Problem der Lese- und Rechtschreibschwäche"; hrg. v. Institut für Legastheniker-Therapie/ Köln]










