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Zur Einschätzung multimedialer Angebote

"V.a. in der Wirtschafts- und Bildungspolitik ist der Begriff zum Zauberwort geworden, mit dessen Hilfe man glaubt, die Widerständigkeit des Wissens beseitigen und die ökonomischen und sozialen Probleme der Gegenwart und der Zukunft meistern zu können. Das multimediale Klassenzimmer, in dem die sog. Computer Literacy, die Fähigkeit sich mit Hilfe des Computers die Welt des Wissens erschließen zu können, oberste Priorität hat, gilt als Lösung gegenwärtiger Bildungsprobleme. Augenfällig ist dabei die zunehmende Vermischung von Trainings- und Bildungskategorien und eine Verwechslung von notwendigen Erweiterungen und Transformationen von Kulturtechniken mit deren Substitution. Die Fähigkeit des Navigierens ersetzt aber nicht die des Lesens, sondern erweitert sie. Texthermeneutische Verfahren und symbolbildende Verdichtungs- und Verknüpfungsleistungen sind nicht durch Visualisierungstechniken zu substituieren. – Die Erforschung der Rezeption von M. steckt noch in den Anfängen. I. Petit legt eine Analyse vor, in der betont wird, dass bei einer M.-Rezeption nicht wie beim Lesen starren Regeln Folge geleistet wird, sondern Regeln vielmehr aus dem jeweiligen Kontext erzeugt werden. Die Vorteile der M.-Rezeption sieht sie darin, dass der Rezipient in realen Situationen spontaner und angemessener als der Leser zu reagieren vermag, da viele Informationen im Gegensatz zur Schrift bereits analoge Zeichen, also Bilder und Töne transformiert sind und auf langwierige Auslegungs- und Übertragungsleistungen verzichtet werden kann. Allerdings bleibt ungeklärt, ob die lineare und symbolentziffernde Schriftrezeption in weniger vertrauten, abstrakteren Situationen nicht Vorteile mit sich bringt. Prinzipiell bleibt aber die M.-Rezeption auf die Beherrschung der traditionellen Rezeptionsmuster und Codes von Schrift, Bild, etc. angewiesen. Neue Anforderungen stellt nur die Verknüpfung dieser Codes. – Multimediale Techniken haben in der Kunst bereits Anwendung gefunden und erfahren auch eine erste theoretische Aufarbeitung. Die Ars Elektronica in Linz und die vom Zentrum für Kunst uns Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe veranstaltete >Multimediale< haben sich ganz einer Kunst verschrieben, die aus der Anwendung der Einbettung multimedialer Technologien entstanden ist. Auch in der Literatur hat es erste Versuche gegeben, M. zu nutzen (Literarische Internet-Zeitschriften und -Workshops/Multimediale Literatur-CD-ROMs). Die gewünschten synästhetischen, multimedialen Literaturformen sind bisher aber kaum mehr als eine Art Akkumulation unterschiedlicher medialer Ausdrucksformen und ohne Einfluss auf die Literaturentwicklung."

[entnommen aus: Lexikon der Gegenwartskultur (in 130 Stichwörtern); hrg. v. Ralf Schnell; Metzler-kompakt; 2006]